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Ein Dorf steht zusammen

Story by Helvetas Schweiz April 25th, 2016

Eine Reportage von Susanne Strässle (Text, Interview) und Patrick Rohr (Fotos, Video)

Als das Bauteam in blauen “Übergwändli” und gelben Sicherheitshelmen zu arbeiten begann, staunten die Leute in Palchok. Dev Chandra Shrestha, 26, lacht, wenn er sich daran erinnert.

“Viele dachten, hier kommen auswärtige Arbeiter. Nicht mal unsere Nachbarn haben uns anfangs im Arbeitsgewand erkannt.”

Doch das neue Nepal entsteht demokratisch mitten aus den Dörfern selbst. Die angehenden Bauhandwerkerinnen und -handwerker sind Frauen und Männer aus Palchok. Sie alle haben im Erdbeben vor einem Jahr ihr Haus verloren. Nun machen sie unter der Leitung eines Helvetas-Trainers eine Ausbildung in erdbebensicherem Bauen und errichten dabei ihre eigenen Häuser neu.

Das Bauteam bei der Arbeit: Verstrebte Bänder aus lokalem Holz machen die neuen Häuser erdbebensicher.

1000 der ärmsten und verletzlichsten Familien im ganzen Distrikt Sindhupalchock erhalten dank Spenderinnen und Spendern aus der Schweiz ein neues, sicheres Zuhause. Dafür arbeiten Helvetas und Solidar Suisse zusammen. 72 dieser Familien leben im Dorf Palchok.

Zu ihnen gehört auch Dev, der aus einer der ärmsten Familien hier stammt und sich früher als Gelegenheitsarbeiter durchschlug.

“Meine Frau hat soeben ihr erstes Kind geboren. Nun werde ich uns ein Haus bauen.”

Unter den zehn Lernenden ist eine einzige Frau, es ist Mitu K.C., 53. Als die Erde zu beben begann, war sie gerade im Tempel, um den ersten Jahrestag für ihren verstorbenen Mann zu begehen. Ein traumatisches Erlebnis.

Dev Chandra Shrestha kann es kaum erwarten, sein neues Heim aufzubauen.
Mitu K.C. ist eine kastenlose Witwe, dank der Ausbildung hat sie neuen Mut gefasst.

Als Witwe und Dalit-Frau war die Situation für Mitu besonders schwer.
Zwei ihrer erwachsenen Kinder haben sie im Stich gelassen, ein kranker Sohn lebt noch bei ihr. Doch dass sie nun unter jenen ist, die Unterstützung erfahren, gibt ihr neuen Mut. Sie ist froh dank dieser Ausbildung auf eigenen Beinen stehen zu können und bald wieder ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben.

Ihr Ausbildner ist Manoj Kumar Dev. Er ist aus dem Terai, dem Tiefland im Süden von Nepal, in die Bergregion gekommen. Die Solidarität war nach dem Beben im ganzen Land gross. Manoj liess sich im Helvetas-Lehrgang zum Trainer ausbilden, um in Sindhupalchok zu helfen.

“Die Lernenden sind hochmotiviert, alle wollen dazu beitragen, ein neues Nepal aufzubauen.”

Trainer Manoj Kumar Dev bildet das lokale Bauteam aus.

Der tag der Zerstörung

Der Distrikt Sindhupalchok wurde vom Erdbeben besonders hart getroffen, in der Region am Fuss der Himalajariesen drei Stunden nördlich von Kathmandu lag das Epizentrum des Bebens 25. April 2015 mit einer Stärke von 7,8. Rund 96 Prozent aller Häuser wurden völlig zerstört, die meisten übrigen unbewohnbar. In ganz Nepal starben 8800 Menschen, gegen drei Millionen wurden obdachlos.

Auch in Dorf Palchok wurden fast alle Häuser zerstört. Die einfachen Wohnhäuser ebenso wie drei von vier Berggasthäuser, in denen früher Trekkingtouristen übernachteten, bevor sie Richtung Helambu wanderten. Auch diese privaten Lodges waren im traditionellen Stil aus Steinen und Lehm gebaut. Doch genau dieser Lehm wirkte beim Beben wie ein Schmiermittel und beschleunigte den Einsturz.

Nach wie vor sieht es in Palchok vielerorts gespenstisch aus.
Eine vom Erdbeben beschädigte buddhistische Stupa in Palchok.
Von diesem Gasthaus für Trekker ist nur der zementierte Balkon stehen geblieben.
Von den traditionellen Steinhäusern sind nur noch Schutthaufen übrig.
Die Menschen leben seit dem Beben Notunterkünften, doch die Ruinen sind noch da.

Weil Helvetas seit 60 Jahren in Nepal tätig und sehr gut im Land verankert ist, konnte das Team nach dem Beben sehr rasch und effizient Nothilfe leisten. Das Helvetas-Team brachte Blachen, Mittel zur Wasseraufbereitung, Hygienekits und Kochutensilien zu den Menschen in den zerstörten Dörfern von Sindhupalchok, rund 14’500 Familien konnten allein in diesem Distrikt unterstützt werden. Projektmitarbeiter Avasch Poudel war dabei als die ersten Helvetas-Jeeps mit Hilfsmaterial in die verwüstete Region aufbrachen.

“Ich werde diesen Tag nie mehr vergessen.”

Avash erzählt, was für ein Bild sich dem Nothilfe-Team in Sindhupalchok bot.

Ein haus für arun und seine Brüder

Nach der ersten Nothilfephase galt es, den Menschen wieder einen Alltag zu ermöglichen: Wasserleitungen wurden temporär repariert, Saatgut verteilt, um den Menschen die überlebenswichtigen Ernten zu sichern. Zusammen mit Caritas baute Helvetas temporäre Dorfschulen mitsamt sanitären Einrichtungen. Und der Wiederaufbau wurde geplant.

Im Januar 2016 bekam Helvetas grünes Licht. Nun konnten Dev, Mitu und je eine Person aus den anderen ausgewählten Haushalten ihre Ausbildung im Bauen sicherer Häuser beginnen. Für jeden von ihnen wird das Team zusammen ein Haus bauen.

Wessen Haus als erstes erbaut wird, entschied das Bauteam gemeinsam.

Obwohl alle in Notunterkünften wohnen und sich nach einem neuen Zuhause sehnen, ist die Wahl des Team nicht für einen von ihnen gefallen, sondern auf den eben 16 Jahre alt gewordenen Schüler Arun Kunwar. Dev spricht für alle, wenn er sagt:

“Arun hat so viel mitgemacht, deshalb entschieden wir, dass er das erste Haus bekommen soll.“

Und so kommt es, dass nun nach der Schule immer wieder ein schlaksiger, schüchterner Teenager auf der Baustelle anzutreffen ist, um zu sehen, wie das erste Haus von Palchock – sein Haus – wächst.

Arun lässt sich von Trainer Manoj Kumar Dev die Elemente des neuen Hauses erklären.

Arun musste in seinem jungen Leben schon viel Leid und Zurückweisung erleben. Der Vater verliess die Familie, die Mutter fand einen neuen Mann, der keine Kinder aus erster Ehe duldete, so liess auch sie ihre drei Söhne vor Jahren allein im Dorf zurück. Eine Nachbarfamilie nahm ihn auf. Seine Brüder wurden bei fernen Verwandten platziert.

Arun mit seiner Gastmutter Sita Thapa, die ihn wie ihre eigenen Söhne behandelt.

Arun kann dank der Grossherzigkeit seiner Nachbarn die Schule abschliessen. Und das tut er gern, er gehört zu den besten seiner Klasse und möchte es weit bringen. Doch obwohl die Gasteltern gut zu ihm sind, hat er einen Traum.

“Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als mit meinen Brüdern vereint zu sein.”

Dieser Wunsch soll dank dem neuen Haus endlich in Erfüllung gehen. Arun ist berührt von der Solidarität im Dorf und dem Entscheid des Bauteams.

Er ist so verlegen, wie nur ein Teenager es sein kann, wenn man ihn auf seine Geschichte anspricht. Doch wenn er von seinem neuen Haus erzählt, strahlt er.

Arun ist Drittbester seiner Klasse.
Er möchte für seine kleinen Brüder sorgen können

Noch lebt Arun wie alle in Palchok in einer Notunterkunft, seine Ersatzfamilie hat ihn in ihrem Vorratsraum einquartiert. Der Rest der Familie teilt sich den anderen Raum.

Hier hat Arun die nötige Ruhe um zu lernen. Und um von einer gemeinsamen Zukunft mit seinen beiden kleineren Brüdern zu träumen.

Sein neues Haus liegt nur einen Steinwurf entfernt. Und seine Nachbarn werden ihn auch dann unterstützen, wenn er seine Brüder endlich wieder bei sich hat und für sie sorgen will.

DAMIT NOCH WEITERE MENSCHEN EIN ERDBEBENSICHERES HAUS BAUEN KÖNNEN:
JETZT SPENDEN

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Lesen Sie in einer weiteren Reportage zum Wiederaufbau in Nepal, wie die Witwe Daulima Sherpa im Bergdorf Marbu das Erdbeben und den Winter in der Notunterkunft überlebt hat - und sich nun über ihr neues Haus freut, an dem sie selber mitgebaut hat.

Arun lebt in der Notunterkunft seiner Gastfamilie, er hat im Vorratsraum Unterschlupf gefunden.
Palchok, Nepal
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