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Schutz der Fischgründe in Myanmar

Story by Helvetas Schweiz August 21st, 2017

Win Tun und Than Aye sind stolze Fischer, so wie ihre Vorfahren das waren. Sie wohnen am Golf von Mottama in Myanmar, der mit seinen Zuflüssen ein idealer Laichgrund ist. Fischerinnen und Fischer schliessen sich zusammen, um dieses Ökotop zu erhalten.

Eine Reportage von Hanspeter Bundi (Text) und Flurina Rothenberger (Fotos)


Than Aye (l), Win Tun und ihr jüngster Sohn
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Alles im Leben von Than Aye und Win Tun ist Fisch. Das Haus riecht nach Fisch. Ihre Sorgen und Freuden sind vom Fisch bestimmt, und beide kommen aus Fischerfamilien, in denen der Beruf über Generationen hinweg vom Vater zum Sohn weitergegeben wird.

Than Aye ist 46 Jahre alt, Buddhistin. Win Tun ist Muslim und sechs Jahre jünger. Sie haben fünf Kinder im Alter von 4 bis 22 Jahren. «Wir sind nicht reich, wir sind auch nicht arm», sagt Than Aye. «Wir haben ein Dach über dem Kopf und immer etwas zu essen.» Ebbe und Flut bestimmen ihren Alltag.

Als wir beim Haus der Familie ankommen, sind wir etwas enttäuscht, denn da ist weit und breit kein Meer zu sehen. Nur in den Tagen um Leermond und Vollmond herum ist die Flut genügend hoch, um die Kanäle und Einbuchtungen bei den Fischerdörfern zu fluten. «Kommt, ich zeige euch mein Boot», sagt Win Tun.

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Wenige Schritte vom Wohnhaus entfernt liegt Win Tuns Boot hilflos und ungeschlacht auf Sand. Doch schon in wenigen Tagen wird es auf den Wellen schaukeln, und Win Tun wird zusammen mit einigen Helfern für zwei Wochen hinaus auf das offene Meer fahren. Manchmal, sagt Than Aye, sei ihr Mann so etwas wie ein Held. Wir fragen sie, ob sie um ihn nie Angst habe. Sie hat Angst, aber sie sagt:

«Früher, als es noch keine Handys gab, war es schwieriger. Damals habe ich oft zwei Wochen lang nichts von ihm gehört. Aber heute telefonieren wir täglich miteinander.»
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Auf dem kurzen Weg zum Boot sind wir an einer Statue Shin Gyis vorbeigekommen, der Gottheit für die Wasserwege. Bevor die Fischer ausfahren, legen sie Shin Gyi kleine Opfergaben hin, Betelnüsse etwa, Reis oder Zucker.

Wir fragen Than Aye, ob sie manchmal darum bete, dass ihr Mann heil zurückkomme. Sie führt uns zum Buddha-Schrein, den sie im ersten Stock ihres Hauses aufgebaut hat. «Hier bete ich mit den Kindern», sagt sie.

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Am Golf von Mottama ist Fisch für Zehntausende von Menschen die Lebensgrundlage, nicht nur für die Fischerfamilien, sondern auch für Händler, Marktfrauen, Bootsbauer oder Fabrikarbeiterinnen. An der Ostküste gibt es drei Fabriken, die Fisch aufkaufen und exportieren.

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Soe Win (m) und die Direktion der Fischfabrik

Unternehmer Soe Win (im Bild rechts, Mitte) ist Teilhaber und Co-Direktor der Mawlamyaing Holdings ltd. Er zeigt uns gern – und stolz – die Fabrik, die er und seine Kollegen in zwanzig Jahren aufgebaut haben. In der kühlen und sauberen Verarbeitungshalle packen Arbeiterinnen die Fische in Schutzhüllen und legen sie für den Gefrierraum zurecht. Die Fische werden von hier aus direkt nach China, Malaysia und Singapur exportiert.

Fische mit kleinen Verletzungen oder Fische, die den Vorlieben der ausländischen Konsumenten nicht entsprechen, kommen auf die regionalen Fischmärkte.

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Die Auswahl auf dem Fischmarkt von Thaton ist gross. Wir gehen durch die engen Gassen zwischen den einzelnen Verkäuferinnen und bedauern, dass wir nicht hierbleiben können, um Fisch zu kaufen und zu kochen und die Vielfalt des Angebots für uns zu entdecken.

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In einem weit abgelegenen Fischerdorf treffen wir Thein Myant, einen Zwischenhändler, der die Exportfische von den Fischerbooten zu den Fabriken bringt. Für die Fischer von Saik Ka Ye ist er nicht Gegner, sondern einer der ihren. Er ist ein geachtetes Mitglied des Fischerkomitees seines Dorfes, denn er bezahlt faire Preise, und er bringt das Eis für die Kühlboxen.

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In Saik Ka Ye leben fast alle Haushalte von der Fischerei. Doch die Welt der Fischer, ihr Leben mit dem Rhythmus von Ebbe und Flut und der Wechsel von Enttäuschung und Erfolg sind gefährdet. Der Fischbestand vor der Küste Myanmars ist seit 1979 um 90 Prozent zurückgegangen. Das gebe «Anlass zu grosser Sorge», heisst es in einem Bericht norwegischer Forscher.

Vor einem halben Jahr haben die Fischerinnen und Fischer ein eigenes Komitee gegründet, um sich gemeinsam mit der eigenen Situation und mit der Gefährdung der Fischgründe auseinandersetzen. Sie erzählen uns, wie lokale Entwicklungsfachleute sie lehren, eine Organisation zu führen und sich bei Behörden Gehör zu verschaffen.

Über ausgetrocknete Reisfelder und Kanäle fahren wir hinaus an das Ufer des Golfs, zur Anlegestelle der Fischerboote. Dort stehen wir unter der glühenden Sonne und bekommen einen Eindruck von der Grösse des Watts am Golf von Mottama und vom Aufwand, den es braucht, um gute Fischgründe zu finden.

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Am Golf von Mottama sind mehr als 30 Dörfer in ein Projekt zur nachhaltigen Bewirtschaftung der Fischgründe und zum Schutz der Umwelt eingebunden. Helvetas hat von der DEZA den Auftrag erhalten, das Projekt umzusetzen, und stützt sich dabei auf Fischer und Händler, auf grosse Exporteure, auf die Behörden und vor allem auf die Dorfentwicklungskomitees, in denen die Anwohnerinnen und Anwohner des Golfs die Zukunft des Dorfes und ihrer eigenen Arbeit gestalten.

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Wir fragen Win Tun, ob er den Rückgang der Erträge auch bemerkt habe. «Ich bringe fast so viel Fisch heim wie früher», sagt er in einer ersten Antwort. Im Gespräch stellt sich dann aber heraus, dass er dafür länger und härter arbeiten muss und dass die ganz grossen Fische seltener geworden sind.

Alle, die wir nach den Gründen für diesen Rückgang fragen, sind sich einig: Es gibt immer noch zu viele Fischer, die mit kleinmaschigen Netzen fischen. Und weil sie die Laichzeiten nicht respektieren, ist die natürliche Vermehrung der Fische gestört.

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«Natürlich ist den Fischern bewusst, was sie da tun. Aber sie sind auf das tägliche Einkommen angewiesen. Sie wissen sich nicht anders zu helfen.»

Soe Win, Direktor der Mawlamyaing Holdings ltd.


Die Männer in den Fischereikomitees unternehmen etwas gegen die kleinmaschigen Netze. «Wenn wir von einem wissen, dass er verbotene Netze benutzt, sprechen wir ihn direkt darauf an», sagt Thein Myant, der Zwischenhändler. Mit dieser Taktik haben die Fischer aus Saik Ka Ye Erfolg. Heute gibt es in ihrem Dorf keinen mehr, der verbotene Netze benutzt.

Win Tun, Than Aye und ihre Kinder.

Helvetas weiss aus anderen Schutzprojekten, dass Verbote allein nicht genügen, und fördert deshalb auch am Golf von Mottama die Entwicklung von Handwerk, Handel und Landwirtschaft. Die Menschen sollen nicht mehr länger gezwungen sein, im Kampf ums Überleben die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.

Yae Thewe, der älteste Sohn der Familie

Die Fischerei soll auch für die nächste Generation noch attraktiv sein. Für den 17-jährigen Yae Thewe zum Beispiel, der auf dem Boot seines Vaters Win Tun schon bald die Verantwortung übernehmen wird. «Glück ist es, wenn ich das Netz auswerfen kann», sagt er.

«Glück ist, wenn ich hinuntertauche, um ein Netz zu entwirren. Glück ist, viele Fische zu fangen.»
Footnote: Von Hanspeter Bundi (Text) und Flurina Rothenberger (Fotos)
Myanmar (Burma)