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STADTBÄUERINNEN IN BENIN

Story by Helvetas Schweiz March 13th, 2017

Eine Reportage von Katrin Hafner (Text) und Flurina Rothenberger (Fotos)

Jeden Montag verlassen Sylvie Sedagonji und Ulriche Hontonnou ihr Zuhause in der Grossstadt, um unweit der Küste als Kleinbäuerinnen Bio-Gemüse anzupflanzen. Auch in Benin setzen immer mehr städtische Kundinnen und Kunden auf gesunde Produkte.

auf dem Gemüsefeld bei Sèmè-Kpodji

Krank ist Sylvie Sedagondji nicht mehr. Klar, manchmal ist sie müde, wenn sie in ihrer Lehmhütte erwacht, wie viele, die um sechs Uhr aufstehen müssen. Aber die Schmerzen sind weg. An der Aussenwand krabbelt eine bunte, handgrosse Echse, in der Nähe kräht ein Hahn. Palmblätter rauschen und von ferne das Meer. Bald wird es wieder heiss. Ein neuer Tag auf dem Gemüsefeld bei Sèmè-Kpodji, an der Küste des westafrikanischen Kleinstaates Benin. Sylvies Gartenhütte steht auf sandigem Boden, rundum erstrecken sich Felder, hier und da stehen weitere winzige Hütten. Tropisch schwer und grau-bläulich hängt der Himmel über der Erde.

Vor der Stadt: Sylvie verbringt die ganze Arbeitswoche auf dem Feld.

Fast 90 Prozent der rund neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Landes sind direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig; der Landwirtschaftssektor besteht hauptsächlich aus Kleinstbetrieben. Bei Sèmè-Kpodji bauen rund 300 Kleinbäuerinnen und -bauern wie Sylvie Sedagondji Gemüse und Früchte an – für den Eigengebrauch und zum Verkauf.

Sylvies Anbaufläche ist ein Viertel Hektar gross. Sie hat «ein wenig von allem»: Kohl, Karotten, Salat. Sylvie schlüpft in die Flipflops und geht zu ihrem Brunnen, wirft den Dieselmotor an, der Grundwasser aus neun Metern Tiefe hochpumpt, und zieht den blassgelben Wasserschlauch hinter sich über den Sandboden. Täglich wässert sie mehrmals, insgesamt bis zu drei Stunden.



Die Trockenheit ist ihr grösster Feind.
Voller Einsatz: Sylvie wirft den Dieselmotor für die Wasserpumpe an, um ihr Feld zu wässern.
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Krank vom Düngemittel

Sylvie, 39 Jahre alt, hat schwere Zeiten hinter sich. Vor sechs Jahren begann sie hier Gemüse anzubauen, um ihre beiden Kinder, ihren Mann – er ist Schneider – und sich selbst zu ernähren. Von den chemischen Mitteln, die sie verwendete, erkrankte sie schwer. Der Arzt stellte ihr eine schlechte Prognose, wenn sie den Kontakt über Haut und Atmung mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel und dem Kunstdünger nicht sofort stoppe.

In einem von Helvetas geförderten Bio-Landwirtschaftsprojekt der lokalen Partnerorganisation «Association pour le Maintien d’une Agriculture Paysanne» hörte sie von den Vorteilen, die der Bio-Anbau von Gemüse und Früchten mit sich bringt. Sie lernte, wie sie ihre Produkte ohne giftige Dünger und Pflanzenschutzmittel anbauen und ihre Lebensmittel zu fairen Preisen auf dem lokalen Markt an die Kundschaft bringen kann.

«Seitdem ich Bio-Gemüse anpflanze, geht es mir wieder richtig gut»,

sagt Sylvie und legt den Schlauch neu, damit andere Pflanzen Feuchtigkeit tanken.

Ihre Familie sieht sie nur am Wochenende; zu lange dauert die Fahrt vom Feld bis nach Hause, denn ihr Zuhause liegt in Cotonou, der Hauptstadt Benins. So arbeitet sie wochentags fernab der Kinder auf dem Feld und schläft nachts in ihrer Hütte.

In einer solchen Hütte schläft Sylvie unter der Woche.

Sylvie Sedagondji ist eine von 110 Bäuerinnen und Bauern, zumeist Städterinnen wie sie, die hier draussen Gemüse züchten und auf biologischen Anbau umgestellt haben. Indem die Bauernfamilien keine gesundheitsschädigenden Substanzen mehr verwenden, schützen sie ihre eigene Gesundheit und schonen auch die Böden. Selbst hergestellter Kompost dient ihnen als Bio-Dünger.

Vor allem aber profitieren sie von einer Abnahmegarantie: Zweimal pro Woche holt ein Transporter auf den Feldern das Gemüse und die Früchte ab, die sie nicht für ihre Familie brauchen, und bringt die Ernte in die Wirtschaftsmetropole Cotonou. Dort wird die Ware einerseits in fünf verschiedenen Bio-Shops verkauft und andererseits gemäss den Vorbestellungen in Körbe verteilt und ausgeliefert. Die Kundinnen und Kunden kaufen im Voraus ein Bio-Abo und lassen sich wöchentlich eine bestimmte Menge ausgewählter Produkte liefern; den Bauernfamilien garantiert das ein sicheres Einkommen.

Das 2014 eingeführte lokale Bio-Zertifikat half, der potenziellen Käuferschaft zu erklären, warum es sich lohnt, biologische Agrarprodukte zu kaufen. Inzwischen hat sich das Zertifikat als nationales Bio-Label etabliert.

Carole Midahuen, Marketingleiterin der Partnerorganisation «Association pour le Maintien d’une Agriculture Paysanne».
Frisch geerntet: Tchayo, ein Blattgemüse, und Moringa-Hülsen aus Ulriches Garten.

Ulriche auf dem Laufsteg

Es ist Mittag, die Hitze drückt. Wenige Gehminuten von Sylvies Feld sitzt Ulriche Hontonnou im Schatten ihres Papayabaums auf einem alten Autositz und isst Bohnen mit Zwiebeln und Maniokmehl. Gekocht hat sie über dem offenen Feuer. In ihrer aus Wellblech gezimmerten Hütte hängen eine Wanduhr und ein Plakat mit Wörtern auf Englisch: «toe», «chest», «shoulder». «Damit mein jüngster Sohn Englisch lernt, wenn er aufs Feld kommt und mir hilft», erklärt die Bäuerin.

Heute geht es ihr und den Kindern gut. Denn mit dem Verkauf der Bio-Produkte verdient sie regelmässig. Einer ihrer Söhne besucht sogar die Mittelschule. Ulriche schreitet mit Giesskanne und nackten Füssen auf einem schmalen Pfad vorbei an Gurken, Zuckerrohr, ihrem Lieblingsprodukt Amarant, Salat und Fenchel. Lächelnd giesst sie links und rechts Jungpflanzen – und wirkt, als befände sie sich auf dem Laufsteg.

Die englische Lerntafel hat Ulriche für ihren Sohn aufgehängt, der sie manchmal aufs Feld begleitet.
Ulriche liebt ihren Garten, sie liebt ihr Gemüse. Und sie ist eine Kämpferin.

Fünf Kinder hat sie und ist seit 16 Jahren alleinerziehend. Bevor sie sich während 14 Monaten zur Gemüsebäuerin ausbilden liess, hatte sie – wie viele andere auch – in Cotonou am Strassenrand in Glasflaschen abgefülltes Benzin verkauft. Nun fährt sie täglich frühmorgens mit dem Bus über eine Stunde von ihrem Quartier in der Grossstadt hierhin und nach Sonnenuntergang wieder zurück.

Auch sie bewirtschaftet ein Viertel Hektar Boden – von Hand und mit viel Engagement. Am Wochenende unterstützen sie ihre Kinder und ihr Bruder. Einer ihrer Söhne möchte ebenfalls Bauer werden, es gefällt ihm auf dem Feld. «Und er sieht, dass sich damit etwas verdienen lässt», sagt Ulriche.

Verschnaufpause im Schatten des Papayabaums: Ulriche hofft, dass die Nachfrage nach ihren Bio-Produkten anhält.

KOMPOST VOM VIEHMARKT

Neben Ulriche Hontonnous Hütte liegt ein offener Sack, braune Komposterde quillt heraus. Dieser Bio-Dünger ist ihr einziges Hilfsmittel auf dem Feld. Bestechend einfach und gut funktioniert die Anlage für Kompostproduktion, die Helvetas 2013 errichtet hat. Sie befindet sich fünf Gehminuten von Ulriches Feld: ein Zementboden, geschützt von einem Strohdach. Davor, im Freien, liegt ein Gemisch aus Stroh und Tierkot.

Der verantwortliche Kompostiermeister holt die organische Masse jeweils ein paar hundert Meter weiter vom Viehmarkt in Sèmè ab. Es handelt sich um den Mist aus den Lastwagen, die aus den nördlichen Nachbarländern Niger und Burkina Faso kommend Vieh an die Küste transportieren und hier verkaufen. Die schweren Laster fahren anschliessend mit Fisch und Hafengütern aus Cotonou wieder zurück gen Norden. Der Kot ist vom einwöchigen Transport bereits leicht zersetzt.

Der Kompostiermeister bereitet den Bio-Dünger auf ...
... für den Einsatz in den Gemüsegärten.

Nach zwei weiteren Monaten im Freien treibt der Kompostiermeister den Dung dann ein erstes Mal durch die metallenen Kompostmühlen: Grössere Stücke oder Holzteile bleiben im Gitter und sollen sich an der Frischluft weiter zersetzen, die gefilterte Masse wird ein zweites Mal gesiebt und schliesslich in grosse Säcke abgepackt. Eine Tonne organisches Düngemittel entsteht so pro Monat, die die Bäuerinnen und Bauern zu fairen Preisen abkauft.

Ulriche bedeckt die Tomatensetzlinge mit Palmblättern. Sie blickt optimistisch in die Zukunft.

«Ich wünsche mir noch mehr Werbung für unsere Bio-Produkte, damit der Verkauf weiterhin so gut läuft.»
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Vor Sylvies Hütte sitzen eine Kollegin und vier Kollegen im Schatten. Eine Libelle fliegt vorbei, in Sichtweite schlummern zwei Kleinkinder von benachbarten Bauern auf Decken am Boden. Sylvie bewässert ein letztes Mal an diesem Tag, der Wind vom Meer ist jetzt kühler. Noch vier Nächte, dann kehrt sie zu Tochter, Sohn und Mann heim nach Cotonou. Um zwei Tage später wieder hier bei ihrem Bio-Gemüse zu sein. Sie lächelt.

«C’est bon comme ça.»

Sylvie Sedagonji erzählt ihre Geschichte im Kurzfilm (auf Französisch)

Sèmè-Kpodji, Ouémé, Benin