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YEZINA TROTZT ALLEN WIDERSTÄNDEN

Story by Helvetas Schweiz May 19th, 2017

Eine Reportage von Susanne Strässle (Text) und Patrick Rohr (Fotos & Videos)

Die junge Äthiopierin Yezina Zeru lässt sich nicht von ihren Plänen abhalten, schon gar nicht von ihrer Behinderung. Sie will eine erfolgreiche Schneiderin werden und ihr Leben so leben, wie sie möchte.

Yezina Zeru, 27, geht ihren Weg selbstbestimmt.

Wer Yezinas Geschichte verstehen will, muss nach Tanqua fahren. Zwei Busstunden von Bahir Dar gegen Norden, dann zu Fuss querfeldein über steinharten Boden und ausgetrocknete Bachläufe. Eine Stunde ist es für Yezina.


Und das nur, weil die kleingewachsene Frau trotz einer Gehbehinderung so läuft, wie sie ihr ganzes Leben lebt: flink, unbeirrt und ausdauernd.

Im Weiler angekommen, erfährt Yezina, dass ihre verwitwete Mutter zu einer Beerdigung gerufen wurde. Das einfache Haus aus Ästen, Brettern und Lehm, in dem Yezina aufwuchs, ist an diesem Tag leer. Nur ein Kalb steht in der Küche mit der offenen Feuerstelle.

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SCHWESTERN AUS Unterschiedlichen WELTEN

Falls Yezina enttäuscht ist, lässt sie es sich nicht anmerken. Das Wiedersehen mit ihrer Schwester Mitikie ist umso herzlicher – vier Küsse, Lachen. Sie setzen sich auf das Bett im Haus der Mutter, im dunklen Raum stehen Vorratsbehälter aus Lehm, die Utensilien für Haushalt und Feld sind unter dem Wellblechdach befestigt.

Die Beziehung zu Schwester Mitikie ist trotz aller Unterschiede sehr innig.
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Hier haben Yezina und Mitikie früher geschlafen. Die beiden sind sich nah – und leben doch in unterschiedlichen Welten. Mitikie ist im Dorf geblieben, sie ging nie zur Schule, ist heute 35 und hat fünf Kinder, Feld- und Hausarbeit sind ihr Alltag. Yezina wirkt dagegen grossstädtisch, mit ihren Kleidern, dem sorgfältig geflochtenen Haar, erst recht, wenn sie übers Handy die Betreuung ihrer Tochter zuhause organisiert.

Sie hängt an ihrem Dorf und den Menschen. Aber man spürt, sie ist auch stolz, als das hierher zurückzukehren, was sie heute ist: eine Frau auf eigenen Beinen mit einer Familie, einer Arbeit, einer Zukunft.

Dass die energische junge Frau in der Stadt Bahir Dar ein eigenes kleines Schneidergeschäft führt, ist alles andere als selbstverständlich.


Die Zukunft sah nicht vielversprechend aus, als Yezina vor 27 Jahren als Zweitjüngste von neun Geschwistern zur Welt kam.

Als Kleinkind erkrankte sie schwer, wahrscheinlich an Kinderlähmung, ihr Bein wurde deformiert. Das Gehen bereitet ihr seither grosse Mühe. Doch ausgerechnet ihr Handicap sollte zu einer Chance für sie werden. «Weil Feldarbeit nicht in Frage kam, war ich die Einzige in der Familie, die mein Vater zur Schule schickte», erzählt sie. Alle ihre Geschwister können weder lesen noch schreiben.

Ein wenig Grossstadtflair im Heimatdorf: Yezina organisiert die Betreuung ihrer Tochter.

Die Hauptstadt der Region Amhara, in deren Grossraum über eine halbe Million Menschen leben, ist bekannt für ihre Inselklöster auf dem Tana-See und die Wasserfälle des Blauen Nils. Heute erlebt die Stadt aber auch einen enormen Zustrom junger Menschen vom Land, womit Bahir Dar zu den am schnellsten wachsenden Städten Äthiopiens gehört.

Was das heisst, zeigt sich jeden Morgen an den grossen Kreuzungen der Stadt: Hunderte warten am Strassenrand in der Hoffnung, ein Lastwagen möge anhalten und sie auf eine der Baustellen mitnehmen.


Die meisten warten vergebens.
Täglich Brot in Bahir Dar: Taglöhner warten an der Strasse auf Arbeit.

Ein Abschluss in drei Monaten

Dass Yezina sich heute nicht mehr mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten muss, ist dem Berufsbildungsprogramm zu verdanken, das Helvetas 2015 lancierte. Plakate machten das Angebot bekannt, bei der Stadt erfuhr Yezina mehr darüber: Da gab es eine dreimonatige Berufsausbildung für junge Menschen aus bedürftigen Familien.

Und ganz besonders für benachteiligte Menschen wie sie: Frauen mit einer Behinderung, Alleinerziehende oder AIDS-Waisen.

An dieser Berufsschule hat ihre Selbständigkeit begonnen: Yezina mit Ausbildner Abebe Kassa.

Yezina besuchte einen der ersten Lehrgänge und absolvierte nach drei Monaten erfolgreich die staatlich anerkannte Abschlussprüfung. Nicht nur sie: Von den rund 1’100 Personen – davon fast vier Fünftel Frauen –, die 2015/16 auf diesem Weg ausgebildet wurden, haben 90 Prozent die Prüfung bestanden und 76 Prozent fanden bereits kurz nach Lehrabschluss eine solide Anstellung oder machten sich erfolgreich selbständig.

Ein Grund für die eindrückliche Bilanz ist die erfolgsbasierte Entschädigung der Lehrinstitute:


Die Ausbildungsstätten werden erst vollständig entlöhnt, wenn die Absolventinnen und Absolventen ein gesichertes Einkommen erwirtschaften.

«Dadurch hat ein Umdenken stattgefunden. Heute fokussieren die Ausbildner viel stärker auf die Integration in den Arbeitsmarkt», sagt Helvetas-Projektleiter Chalachew Gebeyehu. Bislang werden zehn Berufe angeboten, darunter Möbelschreinerei, Gastgewerbe & Hotellerie, Automechanik, das Coiffeur-Handwerk – und die Schneiderei.

Zukunft gestalten: Ein innovatives Ausbildungmodell begleitet speziell benachteiligte Frauen wie Yezina ins Berufsleben.

Kundenservice inbegriffen

Vor knapp einem Jahr ist Yezina ins Geschäft eingestiegen. Es ist kein wohlhabender Stadtteil, in dem sie lebt und arbeitet, aber ein lebendiger. Frauen rösten vor ihren Häusern am Strassenrand Getreide, andere sitzen auf niedrigen Bänken im Freien.

Die Strasse, in der Yezinas Geschäft liegt, ist aus gestampfter Erde, sie ist gesäumt von einfachen Häuschen aus Wellblech und Brettern. Eine Wäscheleine ist quer über der Strasse gespannt, mit Autoverkehr rechnet hier niemand. «Die Leute haben nicht viel Geld», sagt auch Yezina. Genau deshalb war ihr klar, dass Schneiderei das Richtige ist: «Kleider brauchen die Menschen immer, und haben sie zu wenig Geld, lassen sie alte Sachen flicken.»


Yezina erzählt, wie es ihr mit dem neuen Geschäft läuft – und was sie tut, damit die Kundinnen und Kunden zu ihr kommen, statt zu anderen zu gehen.

Yezina hat eine eigene Marketingstrategie. Wer nur einmal ein Kleidungsstück zum Flicken bringt, bezahlt mehr als Stammkunden. Genau umgekehrt ist es bei neuen Kleidern: Wer erstmals bei ihr schneidern lässt, profitiert von einem Kennenlernrabatt.

Doch diesmal bleibt Yezina hart. Eine grossflächige Stickerei ist für weniger als 600 Birr, 27 Franken, nicht zu haben. Freundlich, aber bestimmt erklärt sie Anchinalu Getinet, wie gross der Aufwand für sie ist. Für die Nachbarin ist das trotzdem zu viel. Sie möchte eines der traditionellen äthiopischen Gewänder, wie sie die Frauen an Festen oder zur Kirche tragen, nähen und besticken lassen.

Die Verhandlungen sind wortreich. Schliesslich einigen sie sich auf ein einfacheres Muster für 500 Birr. Yezina hat sich einen Auftrag und das Vertrauen einer neuen Kundin gesichert.

EIN LÄCHELN FÜR DIE KUNDEN

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Jeden Morgen stellt Yezina ihre Nähmaschine kurzerhand vor der kleinen Hütte auf die Strasse, aus Platzmangel, aber auch, damit jeder sieht: Ich nähe für euch! Dass sie oft ihre eigenen Designs trägt, versteht sich von selbst. Wie sie es anstellt, dass die Kundinnen zu ihr kommen? «Guter Service», sagt Yezina.


«Kunden wollen Pünktlichkeit, Verlässlichkeit – und ein freundliches Lächeln.»

Was am Ende des Monats übrig bleibt, spart sie, und sie möchte beim Frauenfonds ein zinsloses Darlehen für eine bessere Nähmaschine beantragen. Neben Fachwissen umfassen alle Ausbildungen im Helvetas-Programm auch ein Modul in Geschäftsführung, damit Absolventinnen und Absolventen das Wichtigste über Marketing, Buchhaltung und Kundenservice lernen, aber auch, wie man am sichersten spart und einen Businessplan erstellt.

Sie erfahren zudem, dass sie dank ihrem anerkannten Abschluss bei der Stadt zinslose Investitionsdarlehen oder eine subventionierte Geschäftsräumlichkeit beantragen können.

Yezina Zeru und ihr Mann Tadele Desta haben sich mit Schneidern und Nähen eine Existenz aufgebaut.

Für die jungen Frauen und Männer geht es um weit mehr als um Fachwissen. Sie brauchen eine Perspektive, um ihren Platz im Leben zu finden. Das gilt besonders für die Frauen.

Oft bewahrt sie eine Ausbildung vor einer frühen Verheiratung. Mit einem eigenen Einkommen gewinnen sie in der Familie an Status und Mitspracherecht. Das war auch bei Yezina so, wenngleich mit umgekehrten Vorzeichen.


«Meine Eltern waren der Überzeugung, jemand in meinem Zustand solle nicht heiraten.»

Yezina Zeru, Schneiderin, Ehefrau und Mutter


Sie liess sich davon nicht beirren. «Ich wusste, dass Tadele der Richtige ist», sagt Yezina über ihren heutigen Ehemann.

Erkämpftes Familienglück: Yezina und Tadele mit Tochter Yabsira.

Tadele Desta hat ebenfalls eine Behinderung: Seine Hand ist gelähmt, das Sprechen bereitet ihm Mühe.

Dennoch flickt auch er Kleider, mit dem Handrücken gelingt es ihm, den Stoff unter das Füsschen der Maschine zu schieben. An der Nähmaschine hatte Yezina ihn zum ersten Mal gesehen. Er gefiel ihr.

Heute sind Yezina und Tadele mit dem ansteckenden Lachen ein gutes Team, das alle Entscheide gemeinsam trifft. Und sie sind stolze Eltern der zweijährigen Yabsira. Ihr ganzes Bestreben gilt der Zukunft ihrer Tochter. Mitgeben will ihr die Mutter später vor allem eins: «Bildung, so viel wie nur irgend möglich.»

Keralem: die Hoffnungsträgerin der Familie

In Äthiopien hat jeder Name eine Bedeutung, einer steht für «Sieger», ein anderer für «Anführer» oder «Geschenk Gottes». «Keralem» jedoch bedeutet «unvollendete Welt».

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Der Name will so gar nicht zu der fröhlichen 19-jährigen Teenagerin passen, die vor einem Monat die Ausbildung zur Möbelschreinerin begonnen hat. «Kurz nach Keralems Geburt verstarb mein Mann», klärt uns ihre Mutter Worke Genetu auf.

Von heute auf morgen stand sie mit fünf Kleinkindern vor dem Nichts. Ihre Welt lag in Trümmern. Die Zukunft sah düster aus. «Ich musste die Familie ganz alleine durchbringen.»


Keralem erinnert sich an die Zeit vor ihrer Ausbildung.

Wie arm Keralems Familie auch heute ist, sieht nur, wer sie zuhause besucht. Am Stadtrand führen abseits der Strassen Trampelpfade durchs Dickicht. Im selbstgebauten Lehmhaus der Familie teilen sich die Mutter und die vier erwachsenen Mädchen ein Zimmer.

Keralems Geschwister sind arbeitslos, nur eine verdient als Putzkraft einen kleinen Lohn. Deshalb ist Keralem für die Mutter zur Hoffnungsträgerin geworden: «Jetzt werde ich alt. Ich hoffe fest darauf, Keralem kann dank ihrer Ausbildung nicht nur mich, sondern auch ihre Schwestern unterstützen.»


Nur heiraten soll ihre Jüngste am besten nie.

«Keralem war immer die mutigste meiner Töchter. Sie soll auf eigenen Beinen stehen.»

Keralem fühlt sich ihrer Mutter sehr verbunden ...
... und will sie und ihre Schwestern tatkräftig unterstützen.

Ihre eigenen Pläne verrät uns Keralem in der Schreinerwerkstatt der Berufsschule in Bahir Dar, wo sie ihre erste Kommode zusammenbaut.

Dass sie ihr Ziel einer eigenen Möbelschreinerei erreichen wird, davon ist Keralem überzeugt.

«Frauen geniessen in unserer Gesellschaft grosses Vertrauen. Sie gelten als fleissig und ehrlich, mit ihnen macht man gerne Geschäfte. Und man sagt, wir arbeiten sorgfältiger.»

Nach ihrem Abschluss will sie vorerst eine Anstellung suchen, Erfahrung sammeln und Geld sparen.

Hochmotiviert: Trainer Yichalal Mulualem schätzt die Begeisterung der jungen Leute in Ausbildung sehr.

Ihr jugendlicher Optimismus ist durchaus berechtigt. Im Schreinergewerbe gebe es eine enorme Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften, sagt ihr Trainer Yichalal Mulualem.


«Wer das Training erfolgreich abschliesst, kann ohne Schwierigkeit eine Anstellung finden.»

Yichalal Mulualem, Ausbildner an der Berufsschule


Die Kurzausbildung überzeugt ihn, weil sie fokussiert und effizient ist – und wegen der Lernenden selbst. «Diese jungen Leute kommen mit einem klaren Ziel, wissen genau, was sie erreichen wollen. Sie sind hochmotiviert, das motiviert auch mich.»

Footnote: Susanne Strässle (Text) und Patrick Rohr (Fotos & Videos)
Äthiopien